Sich selbst lieben lernen – es ist nie zu spät

Vor ein paar Tagen stand ich im C&A in der Umkleidekabine.
Eigentlich wollten wir nur ein paar Jeans für meinen Mann kaufen, bevor er mit dem Zug weiterfuhr, um in einer anderen Stadt einen Vortrag zu halten. Unsere dritte Tochter hatten wir schon von der Schule abgeholt, wir hatten also nicht so viel Zeit. Da lief ich an dieser Kleiderstange vorbei, wo diese Sommerkleider hingen, alle 50 % im Preis heruntergesetzt. Dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen. Ich schnappte mir meine Größe und mit meiner Tochter im Schlepptau suchte ich mir eine freie Kabine.

Ich war schon seit Ewigkeiten in keiner Umkleidekabine mehr gestanden.
In den letzten Jahren hat es sich bei mir so eingebürgert, dass ich mir Kleidung online bestellte, die dann bequem nach Hause geliefert wird. Dort kann ich dann in aller Ruhe ein Teil nach dem anderen anprobieren und ein paar Tage überlegen, was ich denn wirklich behalten möchte.

Ich hatte vergessen, welchen großen Horror Umkleidekabinen in sich verbergen.
Sie kommen so ungefährlich, so klein und überschaubar daher, so als könnten sie kein Wässerchen trüben. Der Schein täuscht. Innen erwarten dich zwei unbarmherzige Spiegel, die jede Speckfalte, jede Cellulitedelle und dein untrainiertes Hinterteil erbarmungslos zeigen. Doch damit nicht genug. Grelles Neonlicht lässt keine Unförmigkeit ungesehen, nein, es scheint ein Scheinwerfer auf dich gerichtet, der dich in deinem schlechtesten Licht zeigen will.

All das wurde mir plötzlich wieder bewusst, als ich da in Unterhose stand und im Begriff war, mir dieses Sommerkleid überzuziehen.
Wie eine unangenehme Erinnerung aus längst vergangener Zeit, ergriff mich das Gefühl von Scham.
Wie ertappt fühlte ich mich, als hätte ich etwas falsch gemacht in dem Moment, als ich meinen Fuß voller Enthusiasmus in diese Umkleidekabine setzte. Die Spiegel schienen mich auszulachen, dass ich überhaupt den Nerv hatte mir einzubilden, so ein Kleidchen würde an meinem Körper, der 4 Schwangerschaften durchlaufen hat, auch nur ansatzweise gut aussehen.

Mein ganzes Leben kämpfe ich schon mit Minderwertigkeitskomplexen.

Ich wurde in der Schule wegen meines Aussehens gemobbt. Ich kann mich an eine Schulstunde erinnern, wo ich neben einem sehr schlanken Mädchen saß, und die Jungs hinter mir die gesamten, quälend langen 45 Minuten meinen Po mit dem meiner dünnen Sitznachbarin verglichen.
Jahrelang versuchte ich meinen Körper so zu disziplinieren, dass endlich die gewünschte Kilozahl auf der Waage erschien.
Ich führte akribische Listen darüber, was ich aß. Ich hasste meinen Körper. Mit 19 Jahren rutschte ich in die Bulimie ab. Ein jahrelanger Kampf mit dem Essen begann und oft endete er über der Kloschüssel, wo ich mich resigniert und vor mir selbst mit Ekel erfüllt, erbrach.

Gott sei Dank
habe ich es Schritt für Schritt geschafft, diesem Kreislauf zu entfliehen.
Heute habe ich kein essgestörtes Verhalten mehr,
aber entspannt ist es immer noch nicht.
Ich hasse meinen Körper nicht mehr,
aber lieben gelernt habe ich ihn auch noch nicht.

Das Erlebnis in der Umkleidekabine hat mir mit voller Wucht wieder gezeigt, wie zerbrechlich und wie verletzt meine Beziehung zu mir selbst ist.

Meine 7jährige Tochter saß mir in der engen Kabine gegenüber. Sie lächelte mich an. Sie musterte mich von oben bis unten, so wie ich, aber ihr Blick war nicht von Ablehnung getrübt, sondern von Liebe. Sie sah an mir keinen Makel.
Sie sah ihre Mama, ihre weiche, warme, kuschelige Mama, die ein Sommerkleid anprobierte.
Sie sah die Arme, die sie hochnehmen und festhalten, wenn sie weint.
Sie sah meinen Mund, der die Gute Nacht Lieder singt.
Sie sah meinen Bauch, der so weich ist wie ein Kissen, auf dem sie ihren Kopf so oft ausruht.
Sie sah meine Beine, die so oft zur Schule laufen, um sie dort abzuholen, obwohl eigentlich das Mittagessen gekocht werden müsste.
Sie sah ihre Mama, ihren Hafen, ihre Heimat.

Ich kämpfe schon lange mit den Formen meines Körpers,
aber ich denke nicht daran aufzugeben, bis ich mich von ganzem Herzen lieben und annehmen kann.
Die Stimmen von damals, dieses gehässige ‚Du bist aber fett‘ – diese Lügen müssen irgendwann aus meinem Kopf raus
und ersetzt werden mit dem unendlich zärtlichen und unverrückbaren ‚Ich habe dich schon immer geliebt‘ Gottes.

Ich denke an meine Töchter, denen ich echte Weiblichkeit vorleben will.

Echte Weiblichkeit, die mutig genug ist in eine Umkleidekabine zu gehen und dem Neonlicht drohend die Faust entgegen zu strecken und sich im Spiegel zuzulächeln.
Weiblichkeit, die ein Stück Schokolade genießen kann, ohne schlechtes Gewissen und die stark genug ist, den eigenen Körper zu ehren, indem sie bewusst isst und die Muskeln trainiert.
Echte Weiblichkeit, die, in sich ruhend, dieser Welt die Botschaft von unendlicher Liebe bringt.
Echte Weiblichkeit, die Rundungen und Dellen und die paar Kilo zu viel, annimmt und feiern kann – denn sie erzählen vom echten Leben.

Das Sommerkleid habe ich übrigens gekauft. Ein stiller Protest.
Und ich habe es diese Woche bereits angezogen und obwohl ich mich ein wenig unwohl dabei fühlte mehr Bein als sonst zu zeigen, spürte ich ein neues Lebensgefühl, neuen Mut und neues Selbstbewusstsein in mir wachsen.

Es ist nie zu spät, sich selber anzunehmen.
Es ist nie zu spät, dieses Sommerkleid zu kaufen.

Es ist nie zu spät, sich selber lieben zu lernen.

 

Foto von  Pete Bellis

14 comments

  1. Tina says:

    Der Text ist so wahr.

    Aber dann gibt es noch so Frauen wie mich, die wirklich dick, so 30 Kilo zu dick, sind. Und auch, wenn mein Handy statt „dick“ immer „egal“ vorschlägt, dann muss ich sagen, es ist mir leider ganz und gar nicht egal. Aber ich bin angewiesen auf gewissen Medikamente, die machen furchtbar dick und produzieren ein ständiges Hungerproblem. Und auch wenn man sich keineswegs gehen lässt, man hat einen ewigen Kampf mit der Waage, dann auch natürlich in der Umkleidkabine und generell mit Komplexen, wenn man in der Stadt unterwegs ist und von oben bis unten von entgegen Kommenden gemustert wird. Das tut weh. Und ich versuche immer, mich typgerecht und vorteilhaft zu kleiden.

    Aber mein Mann ermutigt mich auch immer wieder, nicht zu verzweifeln, nicht der bösen Stimme mein Ohr zu leihen und auch ohne schlechtes Gewissen in der Eisdiele einzukehren. Er liebt mich so, wie ich bin, er trägt mich auf Händen, er hilft mir, mich annehmen zu lernen. Und ich möchte auch wirklich nicht undankbar sein für meinen Körper und bin mir auch ganz ganz sicher, dass im Leben sowieso ganz andere Dinge zählen als Gewicht und Waage.

    Danke, liebe Inka, für deinen Text.

    Gottes Segen!

    Tina

    • Inka says:

      Liebe Tina, danke für deinen ehrlichen, offenen Kommentar. Es tut echt weh, wenn man gemustert wird und aufgrund von Äußerlichkeiten bewertet wird. Ich bin so bewegt, was du über deinen Mann schreibst! Dass er dich liebt, so wie du bist und dich auf Händen trägt. Darüber könnte man glatt noch einen Post schreiben: ja, wir Frauen müssen lernen uns anzunehmen und uns zu lieben – aber wir brauchen auch Männer, die uns ehren und wertschätzen, so wie wir sind und keinem auf Hochglanz polierten, unrealistischen Frauenideal hinterher hasten. Viele liebe Grüße! Deine Inka

      • Tina Lehmann says:

        Danke für deine liebe Antwort, Inka!! ❤

        Ich denke auch, dass unsere Männer mit daran beteiligt sind und mit uns daran arbeiten sollen, dass wir Frauen uns annehmen können und nicht durch sie noch zusätzlicher Druck aufgebaut wird.

        Ich bin so dankbar für meinen Schatz!

        Liebe Grüße
        deine Tina

  2. Lilinn says:

    Danke Inka, danke für dein ehrliches Herz und dass du diese Erkenntnis mit uns teilst. Der Anfang deiner Geschichte ist wie die meine. Nach viiiiielen vielen Jahren hat Gott mich nun ganz befreit…von der Bulimie und von der Lüge über meine Körperwahrnehmung. Ich bete fest für dich und bin sicher dass du auch schon bald in dieser Liebe zu dir selbst wandeln kannst. So schön wie der Blick deiner Tochter ist. Hier spricht Gott ganz klar und liebevoll zu dir. Alles Liebe. Lilinn

    • Inka says:

      Ich hab beim Schreiben auch geweint…das ist ein Thema, das so vielen von uns Frauen so, so nahe geht und ich glaube, dass Gott da vermehrt Heilung rein bringen will. Ganz liebe Grüße, deine Inka

  3. Nelly says:

    So ein erlicher Beitrag. Vielen Dank dafür! ich muss auch mächtig an meiner Einstellung arbeiten. Habe auch 4 Schwangerschaften hinter mir. Möchte einfach nicht den Lügen des Teufels glauben. Sondern mich lieben wie ich bin. Bin grade dabei mein Gewicht zu reduzieren. Langsam. Um mein Wohlfühlgewicht zu erreichen. Auf diesem Weg brauche ich auch echt geduld und selbstliebe. Weil aussehen wie vor den Schwangerschaften wird man ja nie mehr. Dann gibts nur noch ein neues Ich.

  4. FamilienLebenmitGott says:

    Liebe Inka, ich hab jetzt echt geschluckt bei deinen ehrlichen Worten… Aber genau das finde ich so gut, deine Ehrlichkeit. Ich glaube, viel mehr Frauen kämpfen damit, als man so denkt (ich auch immer wieder, obwohl es mir mit mir selbst schon viel, viel besser geht als es mal war *lach*). Ich denke auch immer wieder an meine Kinder, speziell meine Töchter: Sollen sie eine Mama sehen, die sich selbst nicht liebhaben kann? Ich möchte lernen, mich mit Gottes Augen zu sehen… Und im Übrigen sehe ich eine wunderschöne Frau mit einer tollen Ausstrahlung, wenn ich dich anschaue 🙂 Liebe Grüße, Martha

  5. Anett says:

    Liebe Inka,
    wir kennen uns nicht und doch schreibst Du Worte, die ich gut kenne … Ich hatte viele Jahre damit zu kämpfen, dass andere schlanker und schöner waren als ich und versteckte mich in weiten dunklen Shirts und Hosen. Keine Kleider – bloß keine Aufmerksamkeit!

    Irgendwann öffnete mir Gott die Augen und mir ist bewußt geworden, dass die Menschen, die ich liebe, von mir nicht gemocht werden weil sie eine bestimmte Körperform oder Haarfarbe tragen, sondern weil sie ein ehrliches offenes Lachen und Authentizität haben, weil sie nachfragen und zuhören oder wunderbar reden können, weil sie Freude und Menschlichkeit verbreiten und voller Liebe sind.

    Warum sollte ich also nur wegen einer bestimmten Körperform geliebt werden,die sowieso in jedem Jahrhundert und auch in jedem Land ein anderes Ideal hat? DIeser Moment war es, der mein Leben sprichwörtlich verändert hat.

    Ich liebe mich selbst und kleide mich nach meinem Geschmack (inzwschen gibt es einige Kleider bei mir … und sogar einen Bikini!!). Ich fühle mich schön und es ist mir tatsächlich inzwischen egal, ob jemand schaut, wenn ich mich im Schwimmbad oder beim tanzen bewege – und ich bin inzwischen über 40. Ich freue mich, wenn Menschen um mich herum mehr Wert auf Gespräche und Unterstützung. als auf Klamotten und Zahlen auf der Waage legen. So lebe ich und so sollte doch jeder leben können!

    Gott segne Dich – Anett

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