Gott tut Wunder!

„Passen Sie gut auf ihn auf. Es kann sein, dass dieser Tag sein Letzter ist.“, mit diesen Worten übergeben zwei Polizeibeamten an einem Sonntagmorgen meiner Mutter Artur, meinen damals etwa 20-jährigen Bruder. Die Polizisten haben ihn in seinem Auto gefunden – mit einer Überdosis.

Der Alptraum jeder Mutter!

Ich bin die Älteste, Artur der Dritte von insgesamt fünf Kindern. Wir sind sehr behütet in einer christlichen Familie aufgewachsen. Unsere Eltern sind in christlichen Familien aufgewachsen. Und jetzt das – eine Überdosis!

Wir stehen unter Schock. Weinen. Beten. Können es nicht fassen.

Die Gedanken schweifen zurück…. Es ist nicht das erste Mal, dass Artur’s Leben am seidenen Faden hängt. Das war auch schon damals der Fall, als meine Mama erst acht Wochen mit ihm schwanger war.

Damals musste sie aufgrund von Blinddarmverdacht operiert werden. Der Eingriff sollte nach Angabe des Arztes etwa 20 Minuten dauern. Der Arzt war sich sicher: Das hält jeder aus! Eine Vollnarkose ist nicht nötig! Deshalb verabreichte er meiner Mama nur eine örtliche Betäubung. Unvorstellbar? Ja, für deutsche Verhältnisse schon. Aber in Kasachstan, wo wir damals als Russlanddeutsche lebten, an der Tagesordnung.

Ärzte glichen einem Metzger oder einem Henker, sowohl hinsichtlich ihrer „handwerklichen“ Arbeit als auch ihres rauen Umgangs mit Patienten. In der Regel versuchte die Bevölkerung, ärztliche Behandlungen weitgehend zu meiden. Aber hier was das leider nicht möglich.

Nachdem 30-40 Minuten vergangen waren, ließ die Betäubung allmählich nach. Meine Mutter schrie auf vor Schmerzen. Der Arzt brüllte sie an: „Stell dich nicht so an! Andere schaffen das auch. So kann ich nicht arbeiten. Wenn du schreist, gehe ich nach Hause.“ (Er hätte eigentlich nach dem 20-minütigen Eingriff Feierabend.) Sie entgegnete: „Du hast mich aufgeschnitten, du machst mich auch wieder zu!“, biss sich auf die Hand, um weitere Schreie zu unterdrücken, bis sie schließlich ihr Bewusstsein verlor. Dem Arzt wurde allmählich der Ernst der Lage klar. Man brachte sie zu Bewusstsein und verabreichte ihr eine Voll-Narkose. Inzwischen war eine Stunde vergangen und der Arzt stand vor einem großen Rätsel. Er hatte die Ursache für den Krankheitszustand meiner Mutter noch nicht gefunden.

Schließlich entdeckte er, dass ein Eistockleiter vereitert und geplatzt war. Da er aber kein Frauenarzt war und auch weit und breit kein Frauenarzt verfügbar war (ja, wir reden von „russischen“ Verhältnissen!!!), kontaktierte er telefonisch einen Frauenarzt, der ihm sagte: „Mach einfach wie du denkst.“ Die gesamte Operation dauerte 3,5 Stunden. Der Arzt entfernte den vereiterten Eistockleiter und hat dabei auch ein kleines Stückchen der Gebärmutter herausgeschnitten (bei einer schwangeren Frau!).

Drei Tage später wachte meine Mama auf der Intensivstation auf und erkundigte sich als erstes nach ihrem Ungeborenen. Der Frauenarzt war sich sicher: Das Kind wird abgehen. Täglich wartete man darauf, dass meine Mutter Wehen bekam. Aber nichts geschah. So entließ man sie schließlich aus dem Krankenhaus. Auch ihre behandelnde Frauenärztin gab dem kleinen Embryo keine Überlebenschance und auch das Leben meiner Mutter sei 100 % in Gefahr, wenn sie das Baby nicht abtriebe.

Nach einem Gespräch mit dem Pastor der Gemeinde, einer durch-weinten und durch-beteten Nacht ging meine Mama schweren Herzens zur Abtreibung.

Die Ärztin, die den Abbruch hätte vornehmen sollen, weigerte sich aber. Denn würde sie aus der frisch geschnittenen Gebärmutter das Ungeborene ausschaben, würden die frischen Operationswunden und die Naht augenblicklich aufreißen und das würde für meine Mutter den garantierten Tod durch Verbluten bedeuten. Sie riet, abzuwarten bis das Kind von alleine abginge. Denn dass es abgehen würde, da waren sich die Ärzte einig.

Meiner Mama fiel ein riesengroßer Stein vom Herzen. Sie war sich sicher:

Ich werde nicht abtreiben, komme, was wolle!

Bei jeder Vorsorgeuntersuchung musste sich meine Mutter übelsten Beschimpfungen und Vorwürfen aussetzen, wie z.B. was ihr denn einfiele, überhaupt ein drittes Mal schwanger zu werden. Sie hatte doch schon zwei Kinder. Es wäre verantwortungslos, wenn sie jetzt aufgrund dieses Babys, das sowieso keine Überlebenschance hat, auch noch ihr Leben verlieren würde und ihre zwei Kinder als Waisen hinterließe. Das Baby, falls es überhaupt lebendig zur Welt kommen sollte, wäre sowieso schwerstbehindert. Wahrscheinlich würde es nur ein „Klumpen Fleisch“ (O-Ton!) sein. Usw.

Etwa im fünften oder sechsten Schwangerschaftsmonat änderte die Ärztin ihre Methode und drückte meiner Mutter Tabletten in die Hand (ohne Packungsbeilage) mit dem Hinweis: Bisher hätte man nur für das Leben meiner Mutter gekämpft, jetzt wolle man auch für das Leben des Babys kämpfen.

Misstrauisch nahm meine Mama diese Tabletten entgegen und ließ sie von ihrer ältesten Schwester, die Pharmazeutin ist, abklären. Sie warnte meine Mutter, da diese Tabletten zum Tod des Kindes führen würden. Bei der nächsten Untersuchung war die Ärztin furchtbar wütend, dass meine Mama sich ihrer Anweisung widersetzt hatte, die Tabletten nicht eingenommen hat und das Kind noch am Leben war.

Eine einzige Krankenschwester sagte zu ihr: „Wenn nach diesen ganzen Strapazen das Kind immer noch am Leben ist, dann glaub nicht, dass Gott dir ein krankes Kind gibt.“

Die Ärzte übten weiterhin großen Druck auf meine Mutter aus. Ihr Glaube und ihr festes Gottvertrauen halfen ihr, standhaft bei ihrer Entscheidung zu bleiben.

Als sie schließlich zur Entbindung ins Krankenhaus kam, verabreichte man ihr zwei Spritzen, nachdem ihr kurz vorher gesagt wurde, ihr Blutdruck sei zu hoch. Und das erste Mal fragte meine Mama nicht nach, wozu die Spritzen gut seien. Sie ging davon aus, sie sollten den Blutdruck senken. Sie verbrachte eine sehr unruhige und schmerzhafte Nacht. Auch das Baby war sehr unruhig und wand sich in ihrem Bauch hin und her. Am Morgen kam eine Hebamme in ihr Zimmer und rief sie in den Kreißsaal. Meine Mama war verblüfft. Sie hatte noch keine richtigen Wehen. Die Hebamme sagte: „Eigentlich war dein Körper schon gestern Abend bereit für die Geburt. Wir haben dir Spritzen gegeben, damit das Kind stirbt, aber es hat nicht geklappt. Komm jetzt.“

Und termingerecht – am 11.6.1987 – erblickte Artur das Licht der Welt. Die Nabelschnur war mehrmals um seinen Hals gewickelt, bedingt durch die heftigen Kindsbewegungen der letzten Nacht. Eine russische Hebamme schnitt diese schnell auf, hob das Kind in die Höhe und rief: „Schaut alle her, ein Wunder ist geboren!“

Das neugeborene Baby wurde stundenlang untersucht. Eine nervenaufreibende und ungewisse Zeit für meine Mutter.

Schließlich kam die Frauenärztin meiner Mutter wie von einer Tarantel gestochen in das Zimmer, in dem meine Mama mit acht weiteren frischgebackenen Müttern lag, zeigte mit dem Finger auf sie und rief in voller Lautstärke: „Dein Gott hat dich erhört! Ich habe extra ein großes Ärzte-Komitee berufen. Wir haben alles an deinem Sohn genauestens untersucht. Wir WOLLTEN einen Fehler an ihm finden. Er ist 100 % gesund!“ – und genauso wie sie ins Zimmer gekommen ist, ging sie wieder hinaus.

Neun Monate nach Artur’s Geburt durften wir nach Deutschland, in das Land unserer Vorfahren, ausreisen. Wir waren im „Schlaraffenland“! Keine Ärzte, die nur brüllen, keine Beamten in Ämtern, die einen degradieren, in Einkaufsläden schreien die Verkäufer an der Kasse die Kunden nicht an. Menschen, die eigentlich „Macht“ über dich haben, behandeln dich mit Würde und Respekt! Unvorstellbar!

 

Im Alter von etwa 12 Jahren spürt Artur Lebensbedrohung, wenn er in Mama’s Nähe ist. Er entwickelt eine Abneigung gegen sie. Sie muss mit ihm über die Vergangenheit reden. Die Wunden müssen heilen. Diese tapfere Frau, die ihn gegen alle Widerstände ausgetragen hat, muss auch noch mit seiner Ablehnung zurecht kommen.

Und dann das – eine Überdosis!

Viele Fragen, 1000 Gedanken, Zweifel überschlagen sich. „Gott, kann das alles gewesen sein? War das dein Plan für sein Leben?“ ….

Heute ist Artur 30 Jahre alt. Zusammen mit seiner Frau hat er drei zuckersüße, lebendige Jungs. Elias ist zwei Jahre alt, die Zwillinge Lenny und Noah ein Jahr. Er folgt mit Leidenschaft Jesus. Und ich höre auf zu „reden“ und lasse Artur selbst zu Wort kommen. Bei ERF „Mensch, Gott“ durfte er sein Lebenszeugnis erzählen.

Alle Ehre gehört unserem Gott! Er tut Wunder!

Übrigens, man kann nebenher beim Zuhören wunderbar Mittagessen vorbereiten 😉

 

 

oder über diesen Link direkt in der Mediathek von ERF: 
https://www.erf.de/erf-mediathek/sendungen-a-z/mensch-gott/ich-wollte-frei-sein/67-509

15 comments

  1. FamilienLebenmitGott says:

    Gänsehaut… Das seh ich mir nachher auf jeden Fall an, „Mensch Gott!“ ist ohnehin meine Lieblingssendung und ich muss noch ein paar Folgen nachschauen 🙂 … Was für ein Wunder! Vielen, vielen Dank fürs Teilen… Liebe Grüße, Martha

  2. Astrid says:

    Es ist so berührend, was und wie du schreibst! Ich habe Tränen in den Augen und bin so berüht von deiner Mama, deinem Bruder und vor allem von Gott! Er tut große Wunder!
    Seid gesegnet!

  3. Daniela says:

    Da sitze ich und heule … Das Video kann ich erst morgen anschauen … sonst haben wir hier Hochwasser …
    Vielen Dank für das Teilen dieser sehr privaten Lebensgeschichte. Du hast eine wirklich sehr starke Mama! Gott ist so gut! Wow!

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